zu den Arbeiten



aufbrechen und innehalten

Zur Werkgruppe Albland – Malereien von Conny Luley

Clemens Ottnad M.A.
Kunsthistoriker und Geschäftsführer des Künstlerbundes Baden-Württemberg

 

Beginnend mit einem Atelierstipendium auf der Schwäbischen Alb im Jahr 2019 arbeitet Conny Luley an einer Serie von Lasurmalereien, die die in Stuttgart lebende Künstlerin unter dem Titel Albland zusammengefasst hat. Seitdem sind in verschiedenen Formaten Werke entstanden, die weniger eine topografisch bezeichenbare Landschaft als vielmehr die sinnlich-emotionalen Qualitäten im unmittelbaren Erleben von Natur und Naturerscheinungen wiederzugeben bestrebt sind. Erweisen sich dabei die helleren Bildgründe aus Baumwolle grundsätzlich als vorerst lichthaltiger, verwendet die Malerin in jüngster Vergangenheit mehr und mehr dunkleres Rohleinen, aus dem die Pigmente mit Acryl eine ganz eigene Strahlkraft zu entwickeln gezwungen sind.

 

Wollen aber die Hochflächen des im deutschen Südwesten gelegenen Mittelgebirges erreicht werden, gilt es zunächst immer, mit dem Albtrauf eine bis zu 400 Metern hohe Steilstufe zu überwinden, die die Landschaft da unten von derjenigen da oben deutlich markiert absondert. Doch nicht nur die spezifische Flora und Fauna, die je charakteristischen Kulturlandschaften und Besiedlungsformen verändern sich. – Der Blick weitet sich vielmehr zunehmend, das Licht bricht sich anders in der Atmosphäre, Stille breitet sich aus, andere Wärmen und Kälten, verloren geglaubte Gerüche stellen sich ein und der Himmel rückt näher.

 

Diese sinnesübergreifende, synästhetische Wahrnehmung von Natur und Landschaft schlägt sich in den Malereien von Conny Luley dementsprechend bildhaft nieder, als die fein ausdifferenziert übereinander gelegten und sich aneinander anschmiegenden Farbschichten und Lichtschleier sowohl als ephemere Landschaftsdarstellungen als auch wie gänzlich abstrakte Kompositionen gelesen werden können. Stoßen hier im offenen Blau immateriell schimmernde Flächen auf amorphe sand- und sienafarbene Töne, an den Berührungslinien nur ein leises Wispern und Verrauschen von sich gebend? Oder sind es doch vielmehr aus der Erfahrung sichtbarer Wirklichkeit herstammende Eindrücke von luftgebauschten Wolkenbergen, die sich über tiefe Horizonte legen, Schattensilhouetten eines sich neigenden Tages oder der melancholischen Stimmung des herannahenden Herbstes? Vielleicht beides zugleich!

 

Ort und Zeit fließen in diesen Arbeiten von Conny Luley zusammen. Ein Aufbrechen und ein Innehalten, ein Weitergehen und ein Ankommen, ein Zaudern und Zögern dazwischen, manchmal ein Ahnen und manchmal Gewissheit, wie bei jedem eingeschlagenen Weg so auch auf dem Unterwegssein zum nächsten und zum übernächsten Bild.

 

Clemens Ottnad, 2021


Lichtsinn

Clemens Ottnad M.A.
Kunsthistoriker und Geschäftsführer des Künstlerbundes Baden-Württemberg 

aus dem Katalog Conny Luley - "take a walk in the blue silence"

 

An bestimmten Orten sind sich Erde und Himmel besonders nahe. Das ist bekanntermaßen beispielsweise an Meeresufern oder aber im Hochgebirge der Fall, wo ganz unterschiedliche Sphären, Stofflichkeiten und deren diverse Aggregatzustände – Luft, Wolken, Wasser, Gestein – in einer schier unermesslichen Weite und Konzentration unmittelbar aufeinandertreffen und sich vermischen. In ihrem seit 2015 angewachsenen, umfassenden Werkkomplex Nordland hat sich Conny Luley mit diesem Phänomen der gegenseitigen Durchdringung des Atmosphärischen befasst, ohne dass hier im eigentlichen Sinne je konkret bezeichenbare Orte, Topografien und Landschaften entstanden wären.

 

In der Tat stellte eine Schiffsreise zum Polarkreis einen ersten Ausgangspunkt dieser mehrjährigen, konsequenten Arbeitsphase dar. Die gewonnenen Eindrücke und Erinnerungen verselbständigten sich im Atelier und mit fortschreitender Entwicklung der Bildauffassung jedoch bald grundlegend. Standen so am Beginn der Nordland-Reihe zunächst noch in sich geschlossene Farbflächen, die als homogen auftrockende Emulsionen den gesamten Malgrund verdichtet hatten, lösten sich die Kompositionen in der Folge zunehmend zu transparenten Lasuren in reduzierter Farbigkeit auf. Mehr und mehr wandelte sich die Farbmalerei zur Lichtmalerei. Die entstandenen Transparenzen erzeugen dabei nicht nur eine gegenseitige Durchlässigkeit von Farbschichten und Malmittel, sondern auch Durchlässigkeiten als eine Art von Membranen verschiedener Wahrnehmungssinne. Seh- und Farbsinn, Bewegungs- und Hörsinn verbinden sich gleichermaßen zu einem synästhetischen Ganzen. Aber welche Farbe hat die Stille denn nun wirklich, klingt sie wirklich blau? 1

 

Unwillkürlich drängen sich da im kulturhistorischen Kontext – die seinerzeit vielbeschworene Blaue Blume hin oder her – Analogien zur Geisteshaltung der deutschen Frühromantik auf, als etwa der Dichter und Philosoph Novalis zu meinen glaubte, dass die Poesie getrost alle Wunden heile, die der Verstand geschlagen habe. Seine radikale Forderung nach einer allumfassenden Romantisierung der Welt muss allerdings nach wie vor sehr zeitgemäß anmuten, wenn die „Welt romantisieren heißt, sie als Kontinuum wahrzunehmen, in dem alles mit allem zusammenhängt. Erst durch diesen poetischen Akt der Romantisierung wird die ursprüngliche Totalität der Welt als ihr eigentlicher Sinn im Kunstwerk ahnbar und mitteilbar.“ 2

 

So führte auch die über eine lange Zeitdauer hinweg konsequente Arbeitsweise Conny Luleys dazu, dass eine Reihe von Leinwänden entstanden ist, die sowohl für sich als singuläre Tableaus wahrgenommen werden können, als auch im Übersprung von einer Darstellung zur nächsten oder umgekehrt zur vorhergehenden. Einem geradezu filmischen Ablauf gleich – slow forward or rewind – vermögen sich in diesen Fällen die Einzelbilder zu einem einzigen Bildraum zusammenzuschließen, die vermeintlich definierten Anfangs- und Endpunkte des Gemalten sogar in einem vorgestellten optisch-visuellen Loop unendlich andauernder Naturempfindung aufgehen. In unterschiedlichen Sehgeschwindigkeiten gelesen klingt dieser zuerst verhalten an, beginnt dann heller zu rauschen, leuchtet auf und stillt das Licht dann weiter im Dunklen.

 

In ihrem unter dem vielsagenden Titel Anatomie der Wolken (2015) erschienenen Roman lässt Lea Singer mit dem gesetzt alternden Goethe und dem aufbrausend jungen Landschaftsmaler Caspar David Friedrich die Kontrahenten zweier Epochen aneinandergeraten. Ging es dem Hauptvertreter der Weimarer Klassik darin nur um die analytische Klassifikation und eine Art Illustrierung von Naturerscheinungen aus der Hand eines bildenden Künstlers – insbesondere des Himmels und von Wolken –, lag dem leidenschaftlichen

Romantiker vielmehr die Einfühlung in die Natur selbst am Herzen. Der von ihm im Buch Angebeteten jedenfalls erklärt er: „Weißt Du, [...] das Größte ist, dass wir in den Wolken träumen können. Egal, wie schlecht die Welt ist und wie böse die Menschen.“ 3

 

Clemens Ottnad, 2019

 

1 Conny Luley, take a walk in the blue silence, Ausstellung im Schauraum, Kulturverein Provisorium,

 Nürtingen 09.07. – 30.07.2019

2 zit. nach Burkhard Reinartz, Novalis – Die Romantisierung der Welt, Deutschlandfunk 25.08.2014

3 Lea Singer (eigentlich Eva Gesine Baur), Anatomie der Wolken, Hamburg 2015, S. 253



'taufrisch' GEDOK-Galerie Stuttgart - zu Conny Luley

Vivien Sigmund M.A.
Kunsthistorikerin Stuttgart

Die Gemälde aus der Serie 'Nordland' von Conny Luley stehen permanent kurz davor auseinanderzudriften, sich in reine Farbe aufzulösen, in Pinselduktus und Bewegung. Aber sie tun es nicht. Sie verbleiben knapp im Gegenständlichen, bleiben lichte, bewegte, vage Landschaften, just in jenem Moment, so scheint es, oder an jenem Ort zumindest, an dem Himmel und Erde aufeinandertreffen. Dabei herrscht die Farbe Blau vor, jene kühle Farbe der Ferne, Sehnsucht und Klarheit, aber in unzähligen Nuancen, immer changierend, beständig ineinanderübergehend, nie vermag man als Betrachter diese wolkig geheimnisvollen Schwebezustände zwischen diesem Blau und jenem Blau, zwischen Licht und Eis und Land festzumachen und hie und da schleicht sich noch ein kühl schimmerndes Grau-Rosa ins Bild.

Die Landschaften sind durchweg menschenleer und von unerklärlich faszinierender Kargheit. Es sind keine Porträts des einen Nordlandes, also der norwegischen Provinz, vielmehr poetische Annäherungen an ein Nordland im Allgemeinen und die schier überwältigende Naturerfahrung, die es auszulösen vermag. Dem Auge jedenfalls bleibt gar nichts, als sich der unendlich schwebenden Tiefe der Bilder und der transparenten Sinnlichkeit der Farben hinzugeben.


Vivien Sigmund M.A.,

taufrisch #3,  Eröffnung 30.06.2017 in der GEDOK-Galerie, Auszug aus der Einführungsrede

Conny Luley, Nordland – Malerei

Clemens Ottnad M.A.
Kunsthistoriker und Geschäftsführer des Künstlerbundes Baden-Württemberg 

 
Das andere Land: nicht nur die ursprüngliche Erkundung – von Bild- und Bildergebieten – gestaltet sich auf Umwegen. Die Malereien von Conny Luley folgen nirgends nämlich unmittelbar topografisch vorgegebenen Landschaften und sie sind dennoch zugleich immer auch Widerbilder eines intensiven Naturerlebens. Fahrten und Fährten verweben sich so in sorgsam bemessenen Rhythmen in eins, wenn über die Zeit angelagerte Erinnerungsspeicher fernbereister Orte oder aber naheliegender Erfahrungen in langwierigen Arbeitsprozessen im Atelier zu exakt ausdifferenzierten Kartografien von Farbe und Licht verschmelzen. Die mitunter labyrinthische Wegesuche darin wird freilich nur mithilfe vollends intuitiver Navigationssysteme gelingen.

 

Treffen Himmel und Erde – und damit auch Licht und Farbe – in bestimmten Gegenden, wie dies gewöhnlich etwa am Polarkreis oder in Wüstenregionen geschieht, unmittelbarer als anderswo aufeinander, da sie industriellen wie architektonischen Interventionen des Menschen enthoben sind, tun sie dies in den Arbeiten von Conny Luley ohnehin. Die Horizonte haben sich im Bild allenthalben verselbständigt. Tiefenräumliche Ansichtsperspektiven einer gänzlich fremden Landschaft wechseln da simultan in Vogelschauen über und entwickeln eine eigendynamische Sogwirkung, die einerseits Gletscher, Gestein und alles Irdische in Luftsphären hochzuwirbeln imstande sind wie sie andererseits ebenso Wasser und Wolken leichterdings in sublunare Untiefen hinabzustürzen vermögen.

 

An den Wendekreisen der Farbe angelangt erscheint das vermeintlich Unvereinbare organisch miteinander verbunden, das kaltklar kristalline Leuchten von Weißem wie von Bläuen und gleichzeitig doch amorphe Formeninseln, die sich in plasmischen Kontinentaldriften unmerklich geschmeidig zusammengeschoben haben, imaginative Vegetationen dieserart selbstsinnig sich erschließender Territorien.  
 

Clemens Ottnad M.A., Januar 2016

Farben sind das Lächeln der Natur

Ricarda Geib M.A.
Kunsthistorikerin Stuttgart

aus dem Katalog »Landscapes & Clouds«
 

Farben dringen ein, tief wie Gerüche. Blau ist die Farbe der Ferne und des Begehrens - Farbe des Wunderbaren, Farbe der Erkenntnis. Unergründlich scheinen Luleys schattige Tiefen der kühlen Nordlandserie- hinter einem Blau von fast dinglicher Kraft öffnet ein Fluidum silbrig schimmernder Töne den Bildraum. Es ist von zarter Helligkeit und rückt den Horizont in beunruhigende Ferne - Blau markiert den Sog der Sehnsucht. Dazwischen liegen kleine „Inseln“ in Gelb und Ocker, auch ihnen entweicht ein sanftes Leuchten. Luley erprobt die sinnliche Kraft elementarer Farben, schildert die Farben des Himmels, der Sonne und des Steins, legt samtiges Grün neben glühendes Rot, kühles Türkis auf mattes Braun und lässt innere Bilder entstehen – schwebende Landschaften mit weich geschwungenen Tälern, magischen Schatten und fernem Horizont.

 

Im Zyklus Landscapes scheinen pastose Farbschlieren und zarte Lasuren sich fast zu verschlingen, lose Pinselstriche unterbrechen die flutende Bewegung der Farbe und schaffen kleine zeitliche Initialen, „stehende Sekunden“. Erst die Distanz lässt Motive aufscheinen: Herbstblätter, ein offener Himmel, durch Wolken hervorbrechendes Licht. Ufer, ein tief liegender Horizont, das Blau in der Ferne.

Echolinien und Resonanzformen, oft fugenartig ineinander verschränkt und mit zerfließenden Konturen, bestimmen die Farbfelder von From Clouds & Boundaries und Autumn Leaves. Luleys Farbe scheint in sich selbst bewegt und suggeriert die Vorstellung von Zeit und Energie, Rhythmus und kreisen der Konzentration. Rinnende Zeit, eigentlich ein Charakteristikum der Musik, wird in ihrem Werk bildhaft.
 

Für Luley ist Musik eine wichtige Quelle der Inspiration. Bei der bildnerischen Arbeit lässt sie sich gerne durch klassische Klänge leiten: so entstand frei nach Vivaldi der Zyklus Vier Jahreszeiten. Auch hier scheint die Palette der Natur entnommen - mit glühendem Rot, Orange- und Ockertönen bildet Luley lustvolle Akkorde, die durch Akzente in Schwarz, Blau und Grün eine sanfte Dramatik erhalten. Sie gleichen Aggregatzuständen, "Temperaturen" der Malerei. Aktive und kontemplative Zonen spielen ineinander und zeigen die Gegensätze im Temperament der Künstlerin: wenige dunkle Zäsuren stehen neben Feldern von flirrender Leichtigkeit. Den Malgrund behandelt sie als aktive Substanz und lässt die Bilder aus sich selbst herausleuchten. Tonwerte verlaufen, weiche gebärende Formen treten in einen Dialog mit rhythmischen Strukturen, Kreisbewegungen markieren wechselnde Positionen von Stärke und Schwäche. Für die Künstlerin ist Farbe Substanz, Inspiration und Widerstand, aus denen ein Bild sich formt.

 

Das Maß ihrer Bilder ist der eigene Körper - seine Streckung, seine Spannung, sein Schwung. Sie bestimmen die Melodik der Kompositionen: Conny Luley malt gestisch. Ihre Gesten sind heftig oder entspannt, heiter, weit ausgreifend, manchmal aber auch scheu und wunderbar still. In strömenden Bewegungen ziehen sie sich zusammen oder drängen aneinander, sprühen auf wie Gischt oder stürzen herab. Durch Farbimpulse und Linienspiele entstehen energetische Felder, sie ziehen den Betrachter ins Bildgeschehen - als sei der Fortgang der Zeit Antrieb ihres Werks.

 

Die kühlen Verschleierungen ihrer Landschaften mit den abstrakten Ahnungen von Nebelbänken und einbrechender Nacht sind voller Geheimnis, sie spiegeln das Ungewisse, schildern Schwebezustände zwischen Erscheinen und Verschwinden, zwischen "noch nicht " und "nicht mehr". In Luleys Kompositionen sieht man undurchdringliche Schatten neben lichterfüllter Farbigkeit. Immer wieder wird das Auge eingebunden in eine symphonische Lichtstimmung, in der sich die tiefen Farben sanft und einladend zu weichen Mulden formen. Glühendes Kolorit und schwungvolle Serpentinen führen den Blick an einen imaginären Horizont und lassen Wolken, Berge, Meer und Flüsse märchenhaft entschweben. 

 

Immer wieder hat Luley auf die poetische Dimension ihres Schaffens verwiesen. Poetische Bildprozesse bringen Verborgenes, Erahntes zur Erscheinung. Die Künstlerin, die es ablehnt, ausgefahrenen Gleisen der Tradition zu folgen, macht, frei von den Attitüden des Kunstmarktes, aus der Kunst ein Erlebnis des Staunens.

 

Ricarda Geib M.A.

Stuttgart, im Januar 2016

Cornelia Scheiwein-Luley - Vivaldi »Die Vier Jahreszeiten«

Stefanie Sauerhöfer M.A.
Kunsthistorikerin Stuttgart

 

aus dem Katalog Ton ART - Vivaldi »Die Vier Jahreszeiten« (Malerei und Druckgrafik) :

 

... "Der Frühling zeigt eine abstrahierte Landschaft in zarten frischen Farben, die den Beginn des jahreszeitlichen Rhythmus symbolisieren. In der unteren Hälfte entsprechen verschiedene Grüntöne den ersten Blättern und Knospen, das Blau schlängelt sich als Bach durch die Landschaft, gleichzeitig verweisen die dunklen Partien auf die letzten Ausläufer des Winters. 
In der oberen Hälfte erinnern die farbigen Akzente in gelb, rot und orange an blühende Blumen und die wärmende Sonne. Beide Hälften werden von einem orangefarbenen Band verbunden, welches sich schwungvoll und zugleich mit einer gewissen Leichtigkeit über die Leinwand schlängelt. Nicht nur der Einsatz von weiß lässt die Szene transparenter wirken, sondern auch die Pinselhandschrift unterstreicht die Wirkung: Sie ist kapriziös und gleichzeitig beschreiben die kleinen Bewegungen die fröhliche Aufregung, das Flattern und Hüpfen angesichts der ersten Sonnenstrahlen.
 
Der Sommer hingegen ist schwerer, in überwiegend roten und gelben Farbtönen gehalten. Man spürt deutlich die Hitze der Sonne, unter der Mensch, Tier und Pflanzen zu leiden haben. Die kräftigen Farben symbolisieren die reifen Früchte zur Erntezeit und erzeugen durch gezielt gesetzte Akzente in grün und blau starke Kontraste, die der Szene die notwendige Spannung verleihen. Eine Spannung, die sich in den typischen Sommergewittern mit Blitz und Donner entlädt – in der linken oberen Ecke angesiedelt. Dort ist die Farbe am dunkelsten und ergießt sich in freien Verläufen über die Leinwand. Die Pinselhandschrift unterscheidet sich deutlich vom Frühlingsbild und zeigt, dass Cornelia Scheiwein-Luley die unterschiedlichen Charaktere jeder Jahreszeit herausarbeitet, was viele Bewegungsstudien voraussetzt. Beim Sommerbild sind die Bewegungen großzügiger, werden aber durch Unterbrechungen und Richtungswechsel immer wieder gestört.

Der Herbst wirkt weicher, runder. Alles scheint im Fluss zu sein und deutlich spürt man die große Leidenschaft der Künstlerin, Flächen zu vermalen. Die dunkleren Farbwerte durchdringen sich gegenseitig und müssen daher sehr harmonisch aufeinander abgestimmt werden. Die Künstlerin orientiert sich dabei an kleinen, von ihr entwickelten Farbmusterkarten, basierend auf eigenen Beobachtungen und Farbforschungen. Dem Herbstbild dienen der Wein, die Verfärbung des Laubs und die ersten Nebelschwaden als Anregung. Außerdem ist es die Zeit der Jagd. Flinten, Hunde und Hörner werden in dem nach links verschobenen roten Zentrum, das dem Höhepunkt der Jagd entspricht, vereint.
 
Die Farbigkeit des Winters ist reduziert und erinnert an eine Schneedecke, die hin und wieder zarte liebliche Momente durchblitzen lässt und sich an anderer Stelle in grauen Schneematsch verwandelt. Kleine kurze weiße Pinselstriche entsprechen herabfallenden Schneeflocken, die eisige Temperaturen und klirrende Kälte verheißen. Hinzu kommt die leise Wehmut und die traurigen Momente des Abschieds, wenn sich das Jahr dem Ende neigt und man einzelne Erinnerungsfetzen Revue passieren lässt.

Gleichzeitig beginnt ein neues Jahr, alles kehrt wieder, ohne sich zu wiederholen. Diesen Gedanken fasst die Künstlerin in einem größeren Bild mit dem Titel »Das Jahr« zusammen. Verwendet werden die Farben und Bewegungen der einzelnen Jahreszeiten, die ineinander übergehen und das Zusammenspiel des Jahres und das Vergehen der Zeit darstellen. Die ständige Wiederkehr des jahreszeitlichen Rhythmus wird auch in der »Unendlichen Serie« zusammengefasst. Die zwölf kleinformatigen Werke sind in Anlehnung an die vier Konzerte mit jeweils drei Sätzen entstanden und zeigen, wie ein Jahr aufs andere folgt, alles im Fluss ist, manches gleich bleibt und anderes sich verändert. Mit diesen zwölf Bildern ist das Thema Vivaldi in malerischer Hinsicht abgeschlossen, findet aber in der Druckgrafik seine Fortführung.

Während des Meisterkurses 2010 erlernte die Künstlerin auch die Technik der Transferlithografie, deren Grundlage Schwarz-Weiß-Fotokopien sind. Dieses Verfahren erfordert ein sorgfältiges Vorgehen, denn das Papier wird vor dem Aufrollen der Druckfarbe befeuchtet und ist dadurch sehr empfindlich. Auf toxische Mittel wie beispielsweise bei anderen klassischen Drucktechniken der Lithografie oder der Radierung wird verzichtet. Die genaue Planung jedes Schrittes beim Drucken begeistert die Künstlerin ebenso wie das Gefühl des sich Treibenlassens in der freien Malerei. Beide Techniken eröffnen der Künstlerin ganz unterschiedliche Möglichkeiten.
In der jüngsten Serie 2011 beispielsweise spielt sie – umgesetzt als Transferlithografien – mit den Worten Frühling, Sommer, Herbst oder Winter. Jeweils ein Begriff wurde mehrmals im oberen Teil des Blattes übereinander gelegt, um die stetige Wiederkehr der Jahreszeiten und zugleich das Verblassen der Erinnerung an die vergangenen Jahre deutlich zu machen.
Den Bezug zu Vivaldi stellt sie im unteren Teil her, indem sie einen Auszug aus dem dazugehörigen Konzert durch gezielte Bewegungen beim Fotokopieren verfremdet hat. Jeder Jahreszeit wurde eine bestimmte Farbe zugeordnet, zum Beispiel Terracotta für den Herbst. Um den individuellen Charakter zusätzlich zu steigern, orientierte sie sich an den Sonetten und stellte den Noten des Frühlings ein stilisiertes Wiesenfeld zur Seite." ...
   

Stefanie Sauerhöfer M.A., November 2011

Kunsthistorikerin Stuttgart